Ein Blick in die Vergangenheit

130 Jahre Wohnungsbaugenossenschaft sind nicht nur ein Grund zum Feiern. Für uns ist es ein Anlass einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Eckardt Oberdörfer ist in Greifswald ein bekanntes Gesicht. Als langjähriger Journalist hat er die Stadt und ihre Menschen über Jahrzehnte begleitet – und dabei auch die WGG stets im Blick gehabt. Zum Jubiläum ist er in die Archive eingetaucht und hat dort faszinierende Geschichten entdeckt.

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Was bedeuten 130 Jahre WGG für Sie persönlich?
Ich durch die Genossenschaft damals die Möglichkeit bekommen meine erste eigene Wohnung zu beziehen. Das war ein ganz neues Erlebnis für mich: moderne Ausstattung, ein eigener Balkon. Durch einen Wohnungstausch ging es später dann weiter in die Dostojewskistraße. Nach der Wende und mit dem Altschuldengesetz konnten wir eine Wohnung von der WGG kaufen – und dort leben wir bis heute.

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An welches Ereignis rund um die WGG erinnern Sie sich besonders?
Ganz deutlich an den massiven Rückbau im Ostseeviertel Parkseite. Dieses Projekt hat das Stadtbild nachhaltig verändert. Interessant ist, dass von der Wende nicht die Altstadt Greifswalds, sondern vor allem das Ostseeviertel und Schönwalde I und II profitiert haben – dort wurde sichtbar gestaltet und modernisiert.

Wenn Sie auf die 130 Jahre zurückblicken: Welche Phasen waren für die WGG besonders entscheidend?
Mich fasziniert vor allem die Gründungszeit. Wie einige Pioniere in der Kaiserzeit den Mut hatten, auf die soziale Frage ihrer Zeit zu antworten und Arbeitern bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen – das war ein wahrer Kraftakt. In kürzester Zeit entstanden 15 Häuser. Dieser Mut und diese Tatkraft sind bis heute beeindruckend – daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.

Wie meinen Sie das?
Wir müssen wieder lernen, Entscheidungen zu treffen – auch wenn sie nicht jedem gefallen. Fortschritt entsteht nicht aus Stillstand oder endlosen Abwägungen. Genau diesen Mut, den die Gründer damals gezeigt haben, brauchen wir auch heute.

Gab es Werte oder Ideen, die Ihnen in der Recherche immer wieder begegnet sind – und die bis heute spürbar sind?
Ganz klar: Die Genossenschaft existiert für ihre Mitglieder. Schon früh ging es nicht nur um Wohnraum, sondern um komfortables Wohnen. In der Weimarer Republik baute man bereits Wohnungen mit Innentoiletten – das war damals topmodern. Später folgten Antennen für Volksempfänger, Werkstätten in den Quartieren, PKW-Stellplätze und Garagen. Immer hat man sich an den Bedürfnissen der Mitglieder orientiert. Dieses Denken – das Mitglied im Mittelpunkt – prägt die WGG bis heute.

Gibt es eine Anekdote aus der Frühzeit, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja, die Geschichte mit der Tierhaltung in der Fettenvorstadt, konkret in der Loitzer Straße. Kurz nach der Gründung des Spar- und Bauvereins wollten einige Bewohner ihre Nutztiere in der Nähe ihrer Wohnungen halten. In unzähligen Sitzungen hat sich der Vorstand damals damit beschäftigt. Das zeigt sehr schön, wie nah an den Mitgliedern die Entscheidungen getroffen wurden und werden – und dass Themen, die alle betreffen, ernsthaft diskutiert werden.

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Was bedeutet dieses Jubiläum Ihrer Meinung nach für die Stadt Greifswald und ihre Menschen?
Greifswald kann stolz sein, ein Unternehmen wie die WGG zu haben. Seit über 130 Jahren sorgt sie für bezahlbaren und komfortablen Wohnraum und hat damit die Entwicklung der Stadt maßgeblich geprägt. Darüber hinaus hat sie sich in allen Zeiten – auch in schwierigen – als sozial verantwortliches Unternehmen gezeigt. Gemeinschaft wird hier großgeschrieben.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wir schreiben das Jahr 2035. Die WGG feiert 140 Jahre. Was ist in den letzten zehn Jahren passiert?
Die Herausforderungen werden nicht kleiner – gerade in der Wohnungswirtschaft. Energiefragen und der demografische Wandel werden zentrale Themen bleiben: Wie gelingt es, genügend barrierefreien Wohnraum und Plätze im betreuten Wohnen zu schaffen? Wie schaffen wir eine bezahlbare Energiewende? Ich bin aber zuversichtlich, dass die WGG auch diese Aufgaben meistern wird. Das Konzept, sich stets am Menschen zu orientieren, hat die Genossenschaft stark gemacht – und wird es auch in Zukunft tun.

Wir danken vielmals für die spannenden Einblicke. Die Erkenntnisse aus den Recherchen konnten sich unsere Vertreter nach dem Festakt "130 Jahre WGG"  im Pommerschen Landesmuseum anschauen. Außerdem wurde die Ausstellung Anfang des Jahres 2026 im Kulturzentrum St. Spiritus gezeigt und hängt seitdem im Geschäftsgebäude in der Geschwister-Scholl-Straße 1.